Jan19

Bolivien und der Klimagipfel in Paris

Von Miguel A. Buitrago Kategorie Umwelt

Bolivien und der Klimagipfel in Paris

Dass der Klimagipfel in Paris (bolivia-vision.com berichtete darüber) zu einer bedeutenden Klimaschutzvereinbarung führte, hat viele ärmere Länder sowohl gefreut als auch verärgert. Gegenüber den reicheren Ländern wurde vor allem kritisiert, dass diese mehr tun müssten, um die Treibhausemissionen zu vermindern und zwar mit einem schnellstmöglichen Tempo, um die Erde zu schützen. Die ärmeren Länder kritisierten auch den Verzicht auf bindende Ziele für den CO2-Ausstoß, sowie den unzureichenden Kompensationsmechanismus für arme Länder.

Dass das Abkommen für alle involvierten Parteien ein Kompromiss war und wohl auch sein musste, war wohl von vorn herein klar. Insbesondere aber die armen Länder haben aus ihrer Perspektive heraus nicht genug bekommen. Zudem wurden auch alternative Perspektiven, wie die von Bolivien zu wenig berücksichtigt. So kam Bolivien mit einem konkreten Vorschlag, den wir aus dem Englischen übersetzt haben und hier zur Verfügung stellen. Der folgende Text wurde auf Englisch auf der Webseite der European Union - Latin America and Caribbean Foundation (Europäische Union – Lateinamerika und Karibik Stiftung) veröffentlicht.

Wenn wir uns nicht mit den Ursachen des Klimawandels auseinandersetzen, werden wir nicht in der Lage sein, Mutter Erde zu retten: Zweite Konferenz der Menschen der Welt zu Klimawandel und den Rechten von Mutter Erde

David Choquehuanca Céspedes*

Wir leben in einer Zeit der vielfachen Krise, einer Finanzkrise, einer Nahrungsmittelkrise, einer Klima- und Energiekrise. Es ist eine Krise des Zivilisations- und Kulturmodells, welches eine Sicht auf die Welt förderte, in dem der Mensch sich fälschlicherweise als überlegen und in Kontrolle gegenüber der Natur sah. Diese Sichtweise, welche die Natur als  auszubeutendes Objekt sieht, ist der wahre Grund der globalen Klimakrise. Das weltweite kapitalistische System mit seiner anthropozentrischen und marktzentrierten Vision ist der Grund der Erderwärmung. Wenn wir uns nicht mit den Ursachen des Klimawandels auseinandersetzen, werden wir nicht in der Lage sein, Mutter Erde zu retten.

Die zweite Konferenz der Menschen der Welt zum Klimawandel und dem Schutz des Lebens fand vom 10.-12.Oktober 2015 in Tiquipaya, Bolivien statt. Sie bot den Menschen zum zweiten Mal einen Raum, ihre Ideen, Prinzipien und Forderungen zum Klimawandel vorzutragen, die darauf abzielen, einen Wandel unseres Zivilisationsmodells herbeizuführen, der nötig ist, um Mutter Erde zu retten.

In Übereinstimmung mit den Schlussfolgerungen der Konferenz soll das Konzept des “Vivir Bien” - als zentrales Prinzip in der Weltanschauung der indigenen Völker des Andenraumes und Staatsziel in den Verfassungen  Ecuadors und Boliviens – das kapitalistische Modell ersetzen. “Vivir Bien” steht dabei für ein Leben in Vielfalt und Harmonie mit der Natur. Es zielt auf materielle, soziale und spirituelle Zufriedenheit aller Menschen, jedoch nicht zulasten anderer Menschen oder auf Kosten der natürlichen Lebensgrundlagen. Dies würde der Erde eine graduelle Anpassung an den Klimawandel ermöglichen.

Gefordert wird zudem eine Art „Klimagerechtigkeit“, die Grundlage der  Handlungen und Verpflichtungen der Nationen zur Lösung der Klimakrise ist und eine nachhaltige Entwicklung für kommende Generationen aus einer “Vivir Bien”-Perspektive ermöglicht.

Die Völker der Welt verlangen, dass der Gipfel von Paris nicht das kapitalistische Modell durch mehr Marktmechanismen stärkt. Sie erwarten ambitionierte Zusagen der entwickelten Staaten, welche den Klimawandel verursacht haben und lehnen unverbindliche Bekenntnisse ab, welche den Privatsektor bevorzugen und einen patriarchischen Neokolonialismus hervorbringen. Sie fordern die Staaten auf, ihrer Verantwortung gegenüber dem Planeten nachzukommen und die Atmosphäre zu dekolonialisieren.

Das Abkommen von Paris muss die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen und ihre Prinzipien wie gemeinsame und differenzierte Verantwortungen, Verteilungsgerechtigkeit und historische Verantwortung  stärken.

Es gibt eine historische Verantwortung der entwickelten Staaten für die Klimakrise, die nicht ignoriert werden darf. Jetzt liegt es in der Verantwortung Boliviens, die Stimme und Visionen der Menschen auf dem Gipfel in Paris zu Gehör zu bringen.

Die Aufgabe, die wir jetzt haben ist, den auf der Zweiten Konferenz der Menschen der Welt zu Klimawandel und den Rechten von Mutter Erde erhobenen Forderungen Nachdruck zu verleihen und dadurch eine effektive Umsetzung der Verpflichtungen der Länder im Rahmen der   Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen zu erreichen.

Die Hauptforderungen der Konferenz sind:

  1. Die Welt muss ein neues Zivilisationsmodell übernehmen: eine Welt ohne Konsumdenken, Krieg und Kapitalismus.
  2. Die Stärkung des Problembewusstseins, die  Stärkung der Visionen und der Einheit der Völker, eines universellen Bürgerrechts, zum Aufbau einer pluralistischen Welt.
  3. Der Schutz von Gütern des Allgemeinwohls: der Ozeane, des Wassers, Zugang zum Weltraum, zu Technologien die für das Leben und Kommunikation wichtig sind.
  4. Die Klimaforschung in den Dienst aller Lebewesen und des Planeten zu stellen.
  5. Die Finanzmittel des Rüstungssektors dafür zu nutzen, die Aktionen der Menschheit gegen die Klimakrise zu finanzieren.
  6. Ein permanentes internationales Gremium der Völker der Welt zu schaffen
  7. Die Gründung eines internationalen Gerichtshof zur Klimagerechtigkeit
  8. Die Streichung der Schulden der Entwicklungsländer, um Hunger und Armut auszurotten.
  9. Die Annahme einer universellen Deklaration der Rechte von Mutter Erde basierend auf einer nicht kapitalistischen und nicht anthropozentrischen Vision
  10. Allen Klimaabkommen müssen die Sichtweisen der Menschen und der Organisationen der Welt zugrunde liegen, nicht die kapitalistischen Interessen der privaten und multinationalen Konzerne.

*David Choquehuanca Céspedes ist Außenminister des Plurinationale States Bolivien seit Januar 2006.

Dies ist eine Übersetzung bei Wolf-Andreas Hahn aus der Englischer Übersetzung veröffentlicht am EU-LAC Foundation: http://eulacfoundation.org/en/documents/second-world-peoples-conference-climate-change-and-rights-mother-earth-choquehuanca; für die Originalversion auf Spanisch folgen Sie diese Adresse: http://eulacfoundation.org/es/system/files/Choquehuanca_CambioClimatico.pdf.

Diese Artikel präsentiert die Ideen des Autors, und nicht die Meinung von EU-LAC Foundation, Wolf-Andreas Hahn, oder Bolivia-Vision.com.

Über den Autor

Miguel A. Buitrago

Miguel A. Buitrago

Master in Wirtschaftswissenschaften und Doktor der Politikwissenschaft.

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