Mai27

Religion, Macht und Gesellschaft in La Paz: Die Feier des Gran Poder

Von Miguel A. Buitrago Kategorie Tourismus, Kultur

Jahr für Jahr, und zwar bereits seit dem Beginn des 20. Jahrhundert, feiert La Paz das Fest Unseres Herrn des „Gran Poder“ (manchmal auch als ‚allmächtig‘ übersetzt). Was einst als kleiner Straßenumzug in einem armen Viertel der Stadt und als Hingabe zum Herrn des Gran Poder begann, ist nun die wichtigste Feier des Jahres. Zudem ist es eine gute Möglichkeit, Position und Einfluss in der Gesellschaft zu zeigen.

granpoder senior mrduranch may 28 2010 cc by 3 0

Bildquelle: mrduranch, CC BY 3.0

Ursprünglich war der Charakter des Gran Poder eher bescheiden. Es fing innerhalb einer Nachbarschaft (Chijini) mit der Darstellung eines Jesus Christus an, welcher Jahr für Jahr jeden Nachbarn besucht. Inspiriert war dies von einem solchen Umzug in Sevilla, Spanien. Wann immer das Bild des Herrn in ein Haus kam, kamen auch die Nachbarn an bestimmten Tagen zusammen, um zu beten und den Glauben an den Herrn zu zeigen. Häufig war auch Alkohol Teil der Zeremonie, und somit kam auch Musik hinzu. Im Laufe der Zeit entwickelte sich diese Aktivität weiter und wurde immer bekannter; auch nahmen mehr und mehr Menschen daran teil und bezeugten ihren Glaube an Jesus.

granpoder gatolfotografia jue 6 2009 CC BY SA 2 0

Bildquelle: gatolfotografia, CC BY SA 2.0

In den 1920ern wurde die Feier so groß, dass eine Kirche gebaut wurde. Dies steigerte wiederum das Interesse an der Feier. Außerdem begannen einige Gruppen damit, als Zeichen ihres Glaubens, traditionelle Tänze zu tanzen.

gran poder senorhorstjahnsen june 18 2011 cc by 2 0

Bildquelle: senorhorstjahnsen, CC BY 2.0

Von den 1930ern bis in die 1970er Jahre wurde die Feier fast ausschließlich von einigen wenigen Nachbarschaften im armen und mehrheitlich indigenen Norden der Stadt zelebriert; eine Verbindung zum Zentrum gab es nicht. Zudem hatte die Feier einen überwiegend religiösen Charakter. Von den 1970ern bis etwa Mitte der 1980er wuchs die Feier in ihren Ausmaßen und gewann an weiterer Attraktivität. Parallel dazu hat sich eine Art Vereinsstruktur organisiert, in der verschiedene Tanzgruppen (in Bolivien als Brüderschaften bekannt) Mitglieder wurden. Besonders auch diejenigen, die ihr Geld mit dem Schmuggel von allen möglichen Waren gemacht haben, wurden Mitglieder. Ab Mitte der 1980er gewann der Gran Poder nicht nur weitere Mitglieder, sondern auch gesellschaftliche und sogar politische Bedeutung. Heute kokettiert die Feier mit der Ernennung ‚UNESCO Kulturerbe der Menschheit‘.

granpoder gatolfotografia june 6 2009 CC BY SA 2 0

Bildquelle: gatolfotografia, CC BY SA 2.0

Diese Art Feier ist nicht die einzige in Bolivien. Da wären noch der Oruro Karneval zu nennen, was bereits den Titel eines Kulturerbes trägt. Der Gran Poder erzählt, wie die indigene Bevölkerung in der Stadt kontinuierlich seinen zentralen Platz in der Gesellschaft erobert hat. In den 1980ern war es noch nicht selbstverständlich, dass die Feier in der Mitte der Stadt enden würde; auch war noch nicht selbstverständlich, dass die Musik und die Tänze gesellschaftsfähig werden.

Die Entwicklung des Gran Poder hat auch viel mit der Zunahme ökonomischer Macht seitens der indigenen Bevölkerung und der daraus folgenden politischen Macht in der Stadt zu tun. Präsident der Organisation oder Gastgeber für die offizielle Feier zu sein, ist eine große finanzielle Herausforderung, die sich nicht jeder leisten kann. Doch beinhalten diese Rolle viel Aufmerksamkeit und Prestige; oft werden sie von den wichtigsten Politikern der Stadt gespielt. Bei der Feier ist ein Besuch des Präsidenten von Bolivien zur Routine geworden.

Im Zusammenhang mit dem Gran Poder steht auch die auf nationaler Ebene steigende politische Relevanz der indigenen Bevölkerung, insbesondere seitdem Evo Morales und seine Partei, MAS, an der Macht sind. Auch die gestiegene wirtschaftliche Bedeutung des Gran Poder hat einen Anlass dazu gegeben, die indigene Kultur und Traditionen neu zu bewerten.

In 2016 fand die Feier am 23. Mai statt. Die nationalen Zeitungen nannten dazu interessante Zahlen. Z.B. begann die Feier um 6:45 Uhr und endete nach 20:00 Uhr; der Umzugsweg war 4,2 km lang; es gab 67 Tanzgruppen, mit mehr als 40000 Tänzern. Zudem gab es wieder strikte Regeln für die verschiedenen Arten der Bekleidung, sowie für die gespielte Musik. Etwa 62 Mio. US $ werden jährlich ausgegeben bzw. eingenommen: direkt – für Tänzer, Kostümmacher und die Partys vorher und danach, sowie indirekt – für Händler, Angebote für Essen und Getränke, und andere Geschäfte. In diesem Jahr wollen die Veranstalter nun auch einen Antrag zur Anerkennung der Feier als UNESCO Kulturerbe der Menschheit einreichen.

Über den Autor

Miguel A. Buitrago

Miguel A. Buitrago

Master in Wirtschaftswissenschaften und Doktor der Politikwissenschaft.

Bitte Kommentar schreiben

Sie kommentieren als Gast.