Feb06

Streit um Padre Obermaiers Vermächtnis

Von Miguel A. Buitrago Kategorie Gesellschaft

Padre Obermaier (2012, J. Lirauze, ABI)

In den vergangenen Monaten ist ein sehr öffentlicher Streit über die Präsidentschaft der Stiftung Cuerpo de Cristo (Fundación Cuerpo de Cristo, FCC), die Arbeit von Padre Sebastian Obermeiers und seinem Vermächtnis ausgebrochen. Seit fast vier Jahrzehnten hat sich Obermeier, ein deutscher Pfarrer aus Rosenheim, in der Stadt El Alto in La Paz, Bolivien, um die Bedürftigen gekümmert. Seine Arbeit erhielt erhebliche Unterstützung von Behörden im Land, aber vor allem von Menschen außerhalb von Bolivien, die ihm auch bei der Finanzierung und Realisierung der Arbeit geholfen haben. Gerade mal fünf Monate nach seinem Weggang aufgrund einer Herzinsuffizienz streiten ehemalige Gründungsmitglieder des Gremiums über die Führung und Kontrolle der Stiftung. Der Rechtsstreit ist bereits vor Gericht gekommen.

1978 kam Padre Obermaier, wie er in El Alto bekannt war, in diese Stadt mit der Absicht, den Bedürftigen zu helfen und das Wort Christi zu verbreiten. Was er vorfand, war eine Nachbarschaft an den Grenzen von La Paz, Regierungssitz und Zentrum der Politik in Bolivien. El Alto fehlte damals Infrastruktur, Zugang zu Trinkwasser, Sanitär, Stadtplanung, Organisation und Verwaltung - die Gegend wurde von den armen Einheimischen bevölkert, die keinen Platz in La Paz fanden. Einige Jahrzehnte später hat sich diese Nachbarschaft zu einer der größten indigenen Städte Boliviens, eine lebendige und drängende Stadt, mit einer eigenen Regierung und Industrie entwickelt. Obermeier beteiligte sich aktiv an dieser Entwicklung, indem er beispielsweise der Regierung bei der Erstellung einer der ersten Stadtentwicklungspläne half. Er beaufsichtigte und finanzierte den Bau von Kirchen (über 70), Schulen, Kliniken und sozialen Zentren, die sich für die Unterstützung von schutzbedürftigen Kindern, Jugendlichen, Frauen und älteren Menschen engagierten. Er schuf auch einige Medien, von denen nur der Fernsehsender noch funktioniert.

Die FCC ist aus mehreren ersten kleinen Projekten zu einer Institution gewachsen, die sich Respekt und Anerkennung der Behörden in Bolivien und in Deutschland sowie die Achtung und Wertschätzung der in El Alto lebenden Menschen erworben hat. Als solche hat sie auch das Vertrauen vieler, die die Stiftung finanziell unterstützt haben. Während es zur Finanzierung der Stiftung keine öffentlichen Aussagen gibt, war es weithin bekannt, dass sich die FCC durch Spenden aus Deutschland und durch Partnerschaften mit anderen NGOs, einigen Entwicklungsagenturen und sogar Partnerschaften mit der bolivianischen Regierung finanzierte. Obermeier war als Präsident allein verantwortlich für die Verwaltung ihrer Angelegenheiten.

Der Tod von Padre Obermaier im Jahr 2016 hinterließ nicht nur ein Gefühl der großen Leerel in der El-Alto-Gemeinde, sondern auch ein wenig Unsicherheit bezüglich der Angelegenheiten der Stiftung. Der Streit über die Kontrolle der Stiftung begann im Januar diesen Jahres. Ein ehemaliges Mitglied der Stiftung, Alejandro Zapata, verkündete auf einer Pressekonferenz, dass er zum neuen FCC-Präsidenten gewählt wurde und Obermeier ablöst. Keiner der Presseberichte gab Einzelheiten zur Person der Teilnehmer an diesem Treffen. Allerdings wurde erwähnt, dass Zapata zum Präsidenten gewählt worden war, weil er ein Gründungsmitglied der Stiftung war.

In einer zweiten Phase dieses Streits kündigten die derzeitigen FCC-Vorstandsmitglieder und der El-Alto-Bischof Eugenio Scarpellini an, dass Padre Obermaier das Verwaltungsgeschäft der Stiftung an die Katholische Kirche weitergegeben habe. Sie verkündeten, dass Zapatas Stiftungsmitgliedschaft beendet wurde, weil er sich in die Politik gewagt hatte. Ein entsprechender Artikel im Gründungsdokument der Stiftung verbietet Mitgliedern die Aufnahme politischer Arbeit ausdrücklich. Darüber hinaus stellte Scarpellini Dokumente zur Verfügung, die beweisen, dass der aktuelle Vorstand regelhaft gewählt ist. Schließlich zeigte er auch eine von Obermeier handgeschriebene Ergänzung zu den Protokollen, die jeden ausdrücklich ausschließt, der nicht im Rahmen der offiziellen Stiftungsregeln gewählt ist. Der Bischof erklärte zudem, dass die von einer Stiftung in Deutschland übertragenen Mittel durch das El-Alto-Bistum verwaltet werden und dass die in Bolivien existierenden Konten ebenfalls verwendet werden, um Arbeit und Verpflichtungen der Stiftung fortzusetzen.

Die jüngste Entwicklung war, dass Herr Zapata seine Absicht in die Tat umgesetzt hat - nämlich den Vorstand der FCC sowie Bischof Scarpellini vor Gericht zu bringen. So hat er ein Gerichtsverfahren eingeleitet, mit der Begründung, dass Mehrheit dieser Dokumente falsch sei und daher keine Rechtsgültigkeit habe. Er besteht darauf, dass er ein Gründungsmitglied der FCC ist und als solcher zum Präsidenten auf Lebenszeit gewählt werden kann.

Für die FCC ist dies eine problematische Entwicklung, welche nach Obermeiers Tod Zweifel an der Kontinuität der Arbeit aufkommen lassen. Wahrscheinlich wird sich der Streit in den nächsten Monaten fortsetzen. Zum einen kann man eine Aussage des Gerichts erwarten und, wenn der Prozess zur Verhandlung kommt, die Aussage des Bischofs und der FCC. Allerdings sind die einzigen Menschen, die dieser Streit am Ende wirklich trifft, die bedürftigen Menschen in El Alto. Ihnen geht es schlechter, ohne die Hilfe der FCC.

Über den Autor

Miguel A. Buitrago

Miguel A. Buitrago

Master in Wirtschaftswissenschaften und Doktor der Politikwissenschaft.

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