Sep05

Auswirkungen des Brexits auf Bolivien

Von Miguel A. Buitrago Kategorie Handel

Die Entscheidung Großbritanniens (GB) zum Austritt aus der EU wird eine ganze Reihe von Konsequenzen für das Land haben. Eine davon ist die Notwendigkeit, die eigene wirtschaftliche Abhängigkeit von der EU zu reduzieren. Deshalb hat GB bereits damit begonnen, die wirtschaftlichen Beziehungen mit anderen Ländern und Regionen außerhalb Europas zu vertiefen. Die lange vernachlässigte Region Lateinamerika hat somit wieder an Priorität gewonnen. Angesichts der Veränderungen gibt es nun immer mehr Willen, Überlegungen, Gespräche und Aktionen verschiedener Regierungsvertreter GBs, die Wirtschaftsbeziehungen mit Lateinamerika, einem großen Markt, wiederzubeleben.

Warum aber müssen wir von einem Wiederbeleben sprechen? GB war einmal der größte ausländische Investor in Lateinamerika - im 19. Jahrhundert, als GB die Eisenbahn in der ganzen Region gebaut hat, sowie stark im Bergbau und Export einiger Rohstoffe involviert war. In 1808 gingen 40% der britischen Exporte nach Lateinamerika. Noch während des ersten Weltkriegs kamen 50% der Auslandsinvestitionen der Region von GB, und mehr als 20% des Handels fand mit der Insel statt. Zwei Weltkriege und verschiedene Finanzkrisen haben GBs Prioritäten jedoch geändert und den Blick auf die EU gerichtet; die Geschäfte mit Lateinamerika gingen dann an andere Staaten, wie die USA, Deutschland, Italien, Frankreich oder in noch jüngerer Zeit China.

 

Heutzutage hängt die GB-Wirtschaft bedeutend vom europäischen Binnenmarkt ab, insbesondere der Dienstleistungssektor, der größte Sektor der Insel. In 2015, rund 45% der GB-Exporte gingen in der EU; 54% der Importe kamen aus der 27 Mitgliedstaaten. Wenn wir den Blick auf Deutschland richten, dann sehen wir dass rund 2500 deutsche Firmen nach Angaben der deutschen Außenhandelskammer (AHK) im GB aktiv sind, sie beschäftigen rund 400.000 Mitarbeiter. Darunter finden sich Großkonzerne, wie Linde, BMW (mit der Produktion des Kleinwagens ‘Mini’ auf der Insel) oder viele Mittelständler und Kleinunternehmen, Hersteller von Biogasanlagen, Rechtsberater und Übersetzungsbüros. Im schlimmsten Fall müssten diese Unternehmen einen Zoll auf die Einführung ihrer Produkte in die EU bezahlen, oder zumindest mit anderweitigen Handelsbarrieren rechnen.

 

Daher stellt sich die Frage, welche Schritte GB derzeit schon unternimmt. GB erweitert den eigenen Horizont und schaut sich jenseits der EU nach neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten um. Lateinamerika ist eine Region, die GB schon länger im Visier hat. Doch wissen britische Politiker und vor allem hochrangige Staatsbeamte, dass das Knüpfen neuer Wirtschaftsbeziehungen keine einfache Aufgabe wird. 1) GB hat schon lange keine engen Verbindungen mehr mit der Region. Die Insel hat sich in den letzten 30 bis 40 Jahre auf die EU, die USA und Asien konzentriert. 2) Andere Länder, wie Deutschland, Frankreich, die USA und China, haben bereits solide Verbindungen mit der Region. 3) Es gibt zudem große Distanzen zwischen GB und Lateinamerika, nicht nur geographisch, sondern auch kulturell. So sind die Sprache, das metrische System und rechtlich-bürokratische und weitere geschäftliche Voraussetzungen signifikante Herausforderungen für viele britische Unternehmer.

Der Vorteil für GB liegt darin, dass dessen Produkte in Lateinamerika immer noch mit hoher Qualität assoziiert werden. Viele britische Unternehmer gehen soweit als zu sagen, dass die Briten ihre eigenen Produkte weniger schätzen als die Südamerikaner dies tun.

 

Das größte Partnerland GBs in der Region ist Brasilien, mit 69% des gesamten Handels zwischen Lateinamerika und GB. Doch wollen die Briten auch neue Verbindungen mit Argentinien, Chile, und Kolumbien aufbauen. Während der Olympischen Spiele in Rio erinnerte der Handelsminister, Lord Price, in einer Rede im britischen Haus, dass die Spiele nicht der einzige Weg ist, gleich zu sein, sondern dass auch Geschäftsbeziehungen eine sehr gute Alternative sind. Er wollte die Brasilianer wissen lassen, dass GB zu neuen Geschäften bereit ist. Schon zuvor, im Mai 2016, war Price zusammen mit einer Gruppen von Unternehmern zu Besuch in Argentinien. Das Land hatte nach dem Amtsbeginn des neuen Präsidenten Macri viele Barrieren abgebaut und den Handel stärker liberalisiert.

 

Mit allen negativen Prognosen zu den Auswirkungen des Brexits auf die Wirtschaft der Insel, und den Voraussagen zur Längerfristigkeit der Auswirkungen, hat GB bereits mit der Ausweitung der Handelsmöglichkeiten begonnen. Laut der Handelspolitik der Regierung will GB sich nicht nur auf die großen lateinamerikanische Länder konzentrieren; auch andere Länder wie Bolivien, Ecuador oder Peru sind eine gute Alternative. Ebenso interessant ist Bolivien, welches in der Mitte eines Entwicklungprozesses ist und braucht Investitions- und Produktionsgüter benötigt.

 

Der Handel zwischen Bolivien und GB hat sich in den letzten zehn Jahren positiv für Bolivien entwickelt. Laut des bolivianischen Instituts für Außenhandel (IBCE) hat das Land von 2006 bis 2015 Güter im Wert von 1 Billion Dollar (knapp 900 Millionen Euro) exportiert und Güter im Wert von 462 Millionen Dollar (knapp 400 Millionen Euro) importiert; Bolivien hatte immer eine positive Bilanz. Die wichtigsten Exportprodukte in 2015 waren Paranüsse, Zinn, Zink, Silber, Chiasamen und Holz. Dafür importierte Bolivien aus GB Whisky, Autos, Baumaschinen (Bagger und Transporter), Turbinenteile, Traktoren, Geldautomaten und Teile für Perforierungsmaschinen.


Die bolivianische Regierung will auch ihre Industrialisierungspolitik weiter betreiben. Insbesondere soll Bolivien das Energiezentrum Südamerikas werden. Dafür wird Bolivien weiter an Kapitalgüter interessiert sein. Dies könnte eine sehr gute Chance für Bolivien und GB sein, die Wirtschaftsbeziehungen zu vertiefen.

Über den Autor

Miguel A. Buitrago

Miguel A. Buitrago

Master in Wirtschaftswissenschaften und Doktor der Politikwissenschaft.

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