Sep11

Brexit: Was sind die Folgen für den deutschen Mittelstand?

Kategorie Handel, Wirschaft

Bolivia-Vision möchte diesen Interessanten Artikel über die Folgen des Brexits für den detuschen Mittelstand, mit der Autorenerlaubnis, erneut publizieren. Der Autor ist Dr. Hans-Jürgen Völz, Leiter Politik und Volkswirtschaft im Bundesverband der mittelständische Wirtschaft (BVMW). Der Artikel wurde in der Septemberausgabe des BVMW-Newsletter publiziert.

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Auch andere namhafte Geldinstitute wie die HSBC (1.000 Stellen) und JP Morgan (4.000 Stellen) denken an die Verlagerung von Konzernteilen. Abseits des Finanzsektors gab die dänische Einzelhandelskette Netto bekannt, ihr UK-Geschäft mit 16 Filialen aufzugeben. Vodafone erwägt die Verlagerung von bis zu 13.000 Mitarbeitern in die EU-27. Die irische Fluggesellschaft Ryanair plant keine weiteren Investitionen in den britischen Markt, stattdessen sollen alle neu beschafften Flugzeuge in der EU-27 beheimatet werden. Siemens stoppte den weiteren Ausbau seines Werkes für Windradkomponenten im britischen Hull, wodurch bis zu 1.000 Arbeitskräfte und umfangreiche Investitionen in Forschung und Entwicklung betroffen sind.

Deutschland scheint demgegenüber glimpflich wegzukommen. Freilich hinterlässt der Verfall des britischen Pfunds (-11 % gegenüber dem Euro) in den Halbjahresberichten deutscher Konzerne mit engen Geschäftsbeziehungen jenseits des Kanals Spuren. Andererseits können Unternehmen mit Entlastungen rechnen, die Fremdkapital in Pfund aufgenommen haben. Zwar ist das Vereinigte Königreich bei den Exporten der drittwichtigste Markt für deutsche Produkte (2015: ca. 89 Mrd. Euro), doch dies ist nur ein Ausschnitt der komplexen Handelsbeziehungen. Nach Berechnungen des Instituts für Angewandte Logistik in Würzburg trifft der Brexit Deutschland weitaus weniger als etwa vom DIW befürchtet, insbesondere den Transportsektor. So zeigen Untersuchungen der Tonnage und der Umsätze in den Handelsbeziehungen beider Länder, dass die Tonnage seit Jahren rückläufig ist und Großbritannien lediglich einen Anteil von drei Prozent aller deutschen Importe empfängt. Gleichzeitig betrugen die Exporte 2015 vier Prozent des gesamten deutschen Exportvolumens. In diesen Zahlen spiegelt sich die seit Jahrzehnten anhaltende Deindustrialisierung Großbritanniens wider, dessen Bedeutung als Handelspartner Deutschlands kontinuierlich abnimmt – fast die Hälfte aller Einfuhren aus Großbritannien waren Rohöl und Erdgas. Weiter abgemildert werden die Auswirkungen des Brexit auf Deutschland durch Firmenverlagerungen. Nicht wenige von ihnen dürften sich für die größte Volkswirtschaft Europas entscheiden. So hat bereits die Finanzbranche großes Interesse erkennen lassen, am Standort der Europäischen Zentralbank in Frankfurt Präsenz zu zeigen. Banken, Versicherungen und Fondsgesellschaften benötigen einen Sitz auf dem Kontinent, um ihre Zulassung nicht zu verlieren. Politisch dürfte es ohne die Briten allerdings zukünftig schwieriger für Deutschland werden. Denn die Länder, die in der EU für marktwirtschaftliche Prinzipien und wettbewerbliche Ansätze eintreten, werden weniger. Mit den sich verschiebenden Mehrheitsverhältnissen dürfte Deutschland bei Abstimmungen im Rat häufig isoliert und gegen den Block der staatsgläubigen Südeuropäer den Kürzeren ziehen.

Uber der Autor

Dr. Hans-Jürgen Völz, Leiter Politik und Volkswirtschaft, BVMW - Bundesverband mittelständische Wirtschaft, Unternehmerverband Deutschlands e.V.

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