Feb14

Die bolivianische Wirtschaft: Entwicklung und Erwartungen

Von Miguel A. Buitrago Kategorie Binnenwirtschaft, Außenwirtschaft, Wachstumstrend, Wirschaft, Rohstoffe

Ein Wendepunkt in der bolivianischen Wirtschaftsentwicklung

Bolivien: Armut und BIP Wachstum (2005 - 2015)

Für die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds (IWF) müssen zwei Dinge in Betracht gezogen werden, wenn es um die aktuelle bolivianische Wirtschaft geht: a) Bolivien ist wirtschaftlich seit 2006 durchschnittlich 5% gewachsen, etwas was auch Anerkennung verlangt, und b) die Armut im Land ist in diesem Zeitraum um 16% gesunken. Diese zwei Entwicklungen machen Bolivien zu einem derzeit außergewöhnlichen Fall innerhalb der Region. Allerdings sollte man diese positiven Entwicklungen spätestens seit 2015 in einem neuen, erweiterten Licht betrachten. Mit dem Fall der internationalen Rohstoffpreise (Öl und Erdgas) und der starken Abhängigkeit der bolivianischen Wirtschaft von diesen Preisen sind die Aussichten für die nächsten Jahre nicht nur positiv.

Als Evo Morales und seine Partei (MAS) in 2006 die Macht übernahm, existierten bereits die makroökonomischen Grundlagen für die oben genannten positiven Entwicklungen. Vor allem hat die Regierung das Wirtschaftswachstum (rund 3%), eine stabile Preisentwicklung und eine kontrollierte Geldwechselpolitik von den vorherigen Regierungen geerbt. Hinzu kommt, dass die Morales-Regierung die makroökonomische Politik weiter erfolgreich verfolgt hat. Der IWF lobt insbesondere die aktuelle stabile Geldwechselpolitik; die Anstrengungen seitens der Regierung, die Nutzung des Dollars innerhalb der Wirtschaft so gering wie möglich zu halten; sowie die kontrollierte Entwicklung der Inflationsrate. Gleichzeitig haben sich diese Entwicklungen im letzten Jahrzehnt mit dem Ansteigen der Rohstoffpreise auf dem internationalen Markt überschnitten. Die bolivianische Wirtschaft ist stark von Erdgasexporten abhängig. Wenn also der Preis steigt, so steigen auch die Einnahmen – für Bolivien war das in den letzten Jahren der Fall. Auch die Finanzkrise (2008-2009) war ein weiterer Faktor, der für die bolivianische Wirtschaft positive Impulse setzte, allerdings durch die expansionistische Politik der betroffenen Länder. Schließlich konnte Bolivien auch von der guten Lage in Ländern wie Brasilien und Argentinien – die wichtigsten Käufer bolivianischen Erdgases – profitieren.

Die zweite Hälfte des Jahres 2015 zeigte hingegen einige Schwächen in der bolivianischen Wirtschaft, zumeist als Folge des in 2014 eingetretenen Rohstoffpreisverfalls. Vor allem wurde die Prognose für das Wirtschaftswachstum der BIP nach unten korrigiert. Laut des IWF wird Bolivien nun nur um die 4,8% wachsen. Während das immer noch ein guter Impuls ist, so könnte doch die leicht negative Tendenz im Vergleich zum Vorjahr (rund 5%) beunruhigen. Ein weiterer beunruhigender Faktor wäre eine Rückkehr des Haushaltsdefizits und des Außenhandelsdefizits. Seit 2006 hatte Bolivien positive Haushalts- und Außenhandelsbilanzen, auch bedingt durch die Volumenexporte von Erdgas in den guten Zeiten mit hohen Preisen. In Zeiten des Preisverfalls der Rohstoffe dagegen sind die Einnahmen eingebrochen; Bolivien hatte in 2014 ein Haushaltsdefizit von 3,4% des BIP und in der ersten Hälfte von 2015 von etwa 2,1% des BIP. Zudem wird für die zweite Hälfte von 2015 und für das Jahr 2016 eine Abwärtstendenz erwartet. Der IWF geht außerdem von einem Außenhandelsdefizit von 4,5% für 2015 und 5% für 2016 aus. Die bereits erwähnte Hauptursache liegt im Verfall von Rohstoffpreisen auf den internationalen Märkten. Ein weiterer Grund zur Sorge könnte auch die Aufwertung des Boliviano gegenüber anderen Währungen in der Region und gegenüber dem Dollar sein. Ein stärkerer Boliviano würde sich negativ auf den bolivianischen Export auswirken. Dies könnte auf längere Zeit problematisch sein. Darüber hinaus haben Lohnerhöhungen die Produktion von Exportgütern weniger konkurrenzfähig gemacht. Schließlich kann auch die schwache Konjunktur in den Nachbarländern ein Problem sein, insbesondere wenn Brasil und Argentinien sich entscheiden, wieder mit Erdgaspreisen zu handeln, Sehr wahrscheinliches würde Bolivien dies zu spüren bekommen.

Der IWF hat für 2015 einen Wendepunkt für die bolivianische Wirtschaft prognostiziert. Hauptsächlich liege dies daran, dass aufgrund der Zeitverzögerung in der Anpassung der Erdgaspreise an die neuen Verhältnisse auf den internationalen Märkten die Auswirkungen auf die bolivianische Wirtschaft ab der zweiten Hälfte von 2015 eingetreten sind. Insbesondere, der IWF erwartet zudem eine eher schwache Konjunktur für 2015 und 2016, also weniger Wachstum und Defizite in der Haushalts- und Außenhandelsbilanz. Für 2016 prognostiziert der IWF ein Wirtschaftswachstum von 3,5%. Allerdings könnte sich die Verzögerung wegen der ehrgeizigen Investitionspläne der Regierung, mehr Kredite für die Privatwirtschaft bereitzustellen, sowie aufgrund der gesunden inländischen Nachfrage hinziehen.

Die bolivianische Regierung selbst sieht die Einschätzung des IWF zu pessimistisch. Auch wenn sie ein ähnliches Szenario zitiert, so ist die Regierung wesentlich positiver in ihrer prognostizierten Aussicht. Unter anderem verweist sie auf den 5-jährigen Investitionsplan, der die bolivianische Wirtschaft weiter auf dem Wachstumskurs halten soll. Die Regierung sieht sich zudem als Zentrum und als Motor der Wirtschaft und plant daher, die bolivianische Wirtschaft in den nächsten 5 Jahren zu diversifizieren, z.B. durch den Bau von neuen Fabriken. Dafür will die Regierung, wenn notwendig, auch die höheren Steuereinnahmen der letzten Jahre und akkumulierten Rekordwährungsreserven investieren. Ein solider Investitionsplan und eine starke inländische Nachfrage sollten das Wirtschaftswachstum aufrechterhalten, so die bolivianische Regierung.

Über den Autor

Miguel A. Buitrago

Miguel A. Buitrago

Master in Wirtschaftswissenschaften und Doktor der Politikwissenschaft.

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